Mit Pflegegrad 2 beginnt der Anspruch auf die zentralen Geldleistungen der Pflegeversicherung: Pflegegeld, Pflegesachleistung und der gemeinsame Jahresbetrag für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege. Voraussetzung ist ein Gutachten mit 27 bis unter 47,5 Punkten. Die Beträge gelten 2025 und 2026 unverändert; die nächste Anpassung folgt am 1. Januar 2028 (§ 30 SGB XI).
Ab wann die Pflegekasse Pflegegrad 2 zuerkennt
Das SGB XI beschreibt Pflegegrad 2 in § 15 als erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten. Gezählt wird nicht der Zeitaufwand der Pflegeperson, sondern was die pflegebedürftige Person noch selbst erledigen kann. Das Gutachten bündelt das in einem Wert zwischen 0 und 100; Pflegegrad 2 beginnt bei 27 Punkten und endet unterhalb von 47,5.
Die Punkte stammen aus sechs gewichteten Modulen: Mobilität (10 %), das höhere Ergebnis aus kognitiven Fähigkeiten oder Verhaltensweisen (15 %), Selbstversorgung (40 %), Umgang mit Krankheit und Therapie (20 %) sowie Alltagsgestaltung und soziale Kontakte (15 %). Weil die Selbstversorgung allein 40 Punkte ausmacht, entscheidet meist das Badezimmer über die Einstufung: Wer beim Duschen, Ankleiden oder Toilettengang regelmäßig Hilfe braucht, sammelt dort schnell 10 bis 20 gewichtete Punkte.
In Bayern führt der Medizinische Dienst Bayern (MD Bayern) die Begutachtung für gesetzlich Versicherte durch, bei Privatversicherten übernimmt Medicproof. Wie der Antrag abläuft und wie Sie den Hausbesuch vorbereiten, lesen Sie im Beitrag Pflegegrad beantragen; eine Einordnung aller fünf Stufen bietet die Übersicht der Pflegegrade.
Typische Situationen hinter Pflegegrad 2
Pflegegrad 2 trifft selten bettlägerige Menschen. Häufiger sind es Personen, die zu Hause zurechtkommen, aber an mehreren Stellen des Tages verlässlich Hilfe brauchen. Einige Muster aus der Beratungspraxis:
- Morbus Parkinson im mittleren Stadium: Gangunsicherheit, verlangsamte Bewegungen, Hilfe beim Duschen und beim Schließen von Knöpfen, Erinnerung an die Medikamentenzeiten.
- Nach einem Schlaganfall mit leichter Halbseitenschwäche: Die Person geht mit Rollator, kann sich aber den Rücken nicht waschen und die Kompressionsstrümpfe nicht anziehen.
- Beginnende Demenz bei körperlicher Fitness: Waschen und Essen klappen, aber Tagesstruktur, Termine und die Tabletteneinnahme müssen täglich begleitet werden.
- Herzinsuffizienz oder COPD mit Luftnot: Jede Anstrengung wie Treppensteigen oder Haarewaschen erfordert Pausen oder eine helfende Hand.
- Schwere Arthrose oder Zustand nach Oberschenkelhalsbruch: Aufstehen, Strümpfe und Unterkörper waschen gehen nur mit Hilfe, der Kopf ist klar.
Gemeinsam ist diesen Fällen: Modul 4 (Selbstversorgung) liefert den Kern der Punkte, ein zweites Modul kommt hinzu. Ein einzelnes Modul allein reicht selten für 27 Punkte.
Fallbeispiel: Herr Kolb, 74, Morbus Parkinson
Gerhard Kolb (74) lebt mit seiner Frau Renate in einer Erdgeschosswohnung in Nürnberg-Gostenhof. Seit 2019 ist Morbus Parkinson diagnostiziert. Er geht innerhalb der Wohnung ohne Hilfsmittel, wirkt aber unsicher; morgens ist die Beweglichkeit vor der ersten Tabletteneinnahme stark eingeschränkt. Seine Frau hilft beim Duschen und beim Anziehen von Hose und Socken und stellt die Medikamente für den Tag. Abends wird er gelegentlich ängstlich und schläft unruhig.
Der Gutachter des MD Bayern bewertet beim Hausbesuch so:
- Modul 1 Mobilität: Positionswechsel im Bett, Umsetzen und Fortbewegen überwiegend selbstständig, Treppensteigen überwiegend unselbstständig. 5 Rohpunkte, gewichtet 5 Punkte.
- Modul 2 und 3: Leichte Einschränkung beim Erinnern und beim Steuern mehrschrittiger Handlungen (Modul 2: 3,75 Punkte); seltene Ängste und nächtliche Unruhe (Modul 3: 3,75 Punkte). Nur der höhere Wert zählt: 3,75 Punkte.
- Modul 4 Selbstversorgung: Duschen und Ankleiden des Unterkörpers überwiegend unselbstständig; Oberkörper waschen, Intimpflege, Toilette und Zubereiten der Nahrung überwiegend selbstständig; Essen und Trinken selbstständig. 10 Rohpunkte, gewichtet 20 Punkte.
- Modul 5 Krankheits- und Therapieanforderungen: Die tägliche Medikamentengabe übernimmt die Ehefrau, die Physiotherapie im Nachbarhaus erreicht Herr Kolb noch allein. Gewichtet 5 Punkte.
- Modul 6 Alltagsgestaltung: Tagesablauf, Planungen und Kontakte außerhalb der Wohnung nur mit Anstoß. 3 Rohpunkte, gewichtet 3,75 Punkte.
Gesamt: 5 + 3,75 + 20 + 5 + 3,75 = 37,5 Punkte. Herr Kolb erhält Pflegegrad 2. Bis zur Grenze von 47,5 Punkten bleibt Spielraum; verschlechtert sich die Mobilität oder wird die Körperpflege komplett übernommen, ist ein Höherstufungsantrag auf Pflegegrad 3 realistisch.
Leistungen bei Pflegegrad 2: alle Beträge 2025 und 2026
Alle Werte gelten seit dem 1. Juli 2025 (Einführung des gemeinsamen Jahresbetrags) und unverändert 2026. Rechtsgrundlage ist das SGB XI.
Geld- und Sachleistungen für die Pflege zu Hause
- Pflegegeld (§ 37): 347 € monatlich, wenn Angehörige, Freunde oder Nachbarn die Pflege übernehmen. Der Betrag ist nicht zweckgebunden.
- Pflegesachleistung (§ 36): bis 796 € monatlich für Einsätze eines zugelassenen Pflegedienstes; die Abrechnung läuft direkt zwischen Dienst und Pflegekasse.
- Kombinationsleistung (§ 38): beides anteilig, Berechnung im nächsten Abschnitt.
- Entlastungsbetrag (§ 45b): 131 € monatlich, zweckgebunden für Haushaltshilfe, Betreuungsgruppen, Tagespflege oder anerkannte Alltagsbegleiter; nicht ausgegebene Beträge sammeln sich bis zum 30. Juni des Folgejahres an.
Auszeiten für Angehörige und teilstationäre Angebote
- Gemeinsamer Jahresbetrag (§ 42a): 3.539 € pro Kalenderjahr für Verhinderungspflege (§ 39) und Kurzzeitpflege (§ 42), frei aufteilbar, jeweils bis zu 8 Wochen. Die frühere Wartezeit von 6 Monaten vor der ersten Verhinderungspflege ist seit dem 1. Juli 2025 gestrichen.
- Tages- und Nachtpflege (§ 41): 721 € monatlich zusätzlich zu Pflegegeld oder Sachleistung, ohne Anrechnung.
- Pflegeunterstützungsgeld: bis zu 10 Arbeitstage je Kalenderjahr Lohnersatz für Angehörige, die eine akute Pflegesituation organisieren müssen.
Hilfsmittel, Wohnung, Notruf
- Pflegehilfsmittel zum Verbrauch (§ 40 Abs. 2): 42 € monatlich für Einmalhandschuhe, Bettschutzeinlagen, Desinfektionsmittel und Mundschutz.
- Wohnumfeldverbessernde Maßnahmen (§ 40 Abs. 4): bis 4.180 € je Maßnahme, etwa für den Umbau der Badewanne zur bodengleichen Dusche oder einen Treppenlift; bei bis zu vier Anspruchsberechtigten in einer Wohnung bis 16.720 €.
- Hausnotruf: 25,50 € monatlich Zuschuss für ein anerkanntes System.
- Wohngruppenzuschlag (§ 38a): 224 € monatlich beim Leben in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft.
Pflegeheim
Für die vollstationäre Versorgung (§ 43) zahlt die Pflegekasse bei Pflegegrad 2 805 € monatlich an die Einrichtung. Auf den pflegebedingten Eigenanteil kommt der Leistungszuschlag nach § 43c: 15 % im ersten Jahr, 30 % im zweiten, 50 % im dritten und 75 % ab dem vierten Jahr im Heim. Bei Pflegegrad 2 lohnt der Vergleich mit der häuslichen Versorgung, weil Pflegegeld, Entlastungsbetrag und Tagespflege zusammen mehr Spielraum eröffnen als der Heimbetrag.
Kombinationsleistung: so rechnet die Pflegekasse
Wer einen Pflegedienst nur für einzelne Aufgaben bucht, verliert das Pflegegeld nicht komplett. Die Pflegekasse ermittelt, welchen Prozentsatz des Sachleistungsbudgets von 796 € der Dienst abgerechnet hat, und zahlt das Pflegegeld um genau diesen Prozentsatz gekürzt aus.
Beispiel mit 60 % Sachleistung: Der Pflegedienst rechnet im Monat 477,60 € ab, das entspricht 60 % von 796 €. Das Pflegegeld wird auf 40 % gekürzt: 40 % von 347 € sind 138,80 €. Bei 25 % Sachleistung (199 €) bleiben 75 % Pflegegeld, also 260,25 €. Der Entlastungsbetrag von 131 € und die Tagespflege von 721 € werden nicht angerechnet und kommen in jedem Fall dazu.
Pflegegeld und ambulanter Pflegedienst in Nürnberg: so verbinden Familien beide Wege
Das übliche Modell bei Pflegegrad 2: Der Angehörige übernimmt den Alltag, ein ambulanter Pflegedienst kommt für die körperlich schweren oder fachlich anspruchsvollen Aufgaben, meist Dusche, Kompressionsstrümpfe und das Stellen der Medikamente. Behandlungspflege wie Verbandwechsel oder Injektionen zahlt nach ärztlicher Verordnung die Krankenkasse; sie belastet das Sachleistungsbudget nicht.
Zurück zu Familie Kolb: Der Pflegedienst kommt an drei Vormittagen pro Woche zum Duschen und zur Medikamentengabe. Die Einsätze summieren sich auf 398 € im Monat, also 50 % des Budgets. Herr Kolb erhält damit 173,50 € Pflegegeld, das er an seine Frau weitergibt. Aus dem Entlastungsbetrag von 131 € bezahlt sie eine Haushaltshilfe für zwei Stunden pro Woche. Für den Hausnotruf fließen 25,50 €, für Handschuhe und Bettschutz 42 €. Den Umbau der Badewanne zur Dusche bezuschusst die Pflegekasse mit 4.180 €. Den Jahresbetrag von 3.539 € hebt sich die Familie für den Sommer auf, wenn Frau Kolb zwei Wochen zu ihrer Tochter nach Hamburg fährt und der Pflegedienst täglich kommt.
Eine solche Kombination sollte vor dem ersten Einsatz mit Pflegekasse und Dienst abgestimmt sein. Neutral beraten der Pflegestützpunkt der Stadt Nürnberg oder die kostenlose Pflegeberatung nach § 7a SGB XI, die AIN für Nürnberg, Fürth, Erlangen und Schwabach anbietet. AIN übernimmt bei Bedarf auch die Grund- und Behandlungspflege zu Hause; außerklinische Intensivpflege nach § 37c SGB V wird unabhängig vom Pflegegrad über die Krankenkasse finanziert.
Nach dem Bescheid: Pflichten und Fristen bei Pflegegrad 2
Wer Pflegegeld bezieht, muss bei Pflegegrad 2 und 3 halbjährlich einen Beratungsbesuch nach § 37 Abs. 3 SGB XI nachweisen. Ein zugelassener Pflegedienst prüft dabei die Versorgung zu Hause und meldet den Besuch an die Pflegekasse. Wer den Termin versäumt, riskiert die Kürzung des Pflegegelds; bei der Kombinationsleistung gilt die Pflicht ebenfalls.
Fällt der Bescheid niedriger aus als erwartet, etwa Pflegegrad 1 statt 2, bleibt ein Monat ab Zugang für den Widerspruch. Er ist formlos möglich, die Begründung kann nachgereicht werden; fordern Sie dafür das vollständige Gutachten an. Über einen Antrag muss die Pflegekasse innerhalb von 25 Arbeitstagen entscheiden, sonst werden 70 € je angefangene Woche Verzug fällig (außer bei Krankenhausaufenthalt).
Häufige Fragen zu Pflegegrad 2
Kann ich bei Pflegegrad 2 Pflegegeld und Pflegedienst gleichzeitig nutzen?
Ja, über die Kombinationsleistung nach § 38 SGB XI. Die Pflegekasse kürzt das Pflegegeld von 347 € um den Prozentsatz, zu dem der Pflegedienst das Sachleistungsbudget von 796 € ausschöpft. Entlastungsbetrag und Tagespflege bleiben davon unberührt.
Wie lange gilt Pflegegrad 2?
Unbefristet, solange sich der Zustand nicht wesentlich ändert. Eine Wiederholungsbegutachtung setzt die Pflegekasse nur an, wenn der Gutachter eine Besserung erwartet hat, etwa nach einer Reha.
Verfällt der Entlastungsbetrag, wenn ich ihn nicht ausgebe?
Nicht sofort. Nicht genutzte Monatsbeträge von 131 € sammeln sich innerhalb des Kalenderjahres an und können bis zum 30. Juni des Folgejahres noch für anerkannte Angebote abgerufen werden. Danach verfällt der Rest.
Kann ich die 3.539 € komplett für Verhinderungspflege ausgeben?
Ja. Seit dem 1. Juli 2025 ist der Jahresbetrag frei zwischen Verhinderungs- und Kurzzeitpflege aufteilbar. Sie können ihn vollständig für Ersatzpflege zu Hause nutzen, für bis zu 8 Wochen im Jahr, auch stundenweise. Die frühere Vorpflegezeit von 6 Monaten entfällt.
Spielt es für den Pflegegrad eine Rolle, wie viele Stunden meine Angehörigen helfen?
Nein. Seit 2017 zählt allein die verbliebene Selbstständigkeit in den sechs Modulen. Ein Pflegetagebuch hilft dem Gutachter trotzdem, weil es zeigt, bei welchen Handlungen täglich Hilfe nötig ist.
Reicht Pflegegrad 2 für außerklinische Intensivpflege?
Die außerklinische Intensivpflege, etwa bei Beatmung oder Trachealkanüle, wird nach § 37c SGB V von der Krankenkasse bezahlt und setzt keinen bestimmten Pflegegrad voraus. Die Leistungen der Pflegekasse aus Pflegegrad 2 kommen zusätzlich dazu.



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